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Es ist die Zeit der Heimkehr. Das Mutterschiff treibt in der Abendsonne wie eine Wal, der sein Maul zum genüsslichen filtern von Plankton geöffnet hat. Kurs auf die riesige Frontluke nehmen schnittige Yachten und Segelschiffe sowie landen an seinen Flanken Wasserflugzeuge.

Kreuzfahrt in der Zukunft

Von Ausflügen auf benachbarte Inseln kehren alle zurück und verschwinden bald im „Bauch“ des Giganten. Das Mutterschiff beherbergt 8.000 Passagiere und 4.000 Crewmitglieder. Wie die Kreuzung eines Raumschiffes mit einem überdimensionalen Hochgeschwindigkeitszuges wirkt das Mutterschiff.

Eine Studie eines schwedischen Designers ist diese „Mutter aller Schiffe“. Wie Kreuzfahrtschiffe in 50 Jahren aussehen können, groß und gigantisch, beschreibt sie. Laut einer Prognose der britischen „Ocean Shipping Consultants“ müssen sie das auch sein, denn 2065 werden weltweit ca. 75 Millionen Kreuzfahrttouristen unterwegs sein. Mit 24 Millionen Passagieren rechnet man für 2015 und 30 Millionen Gäste sollen es 2020 sein.

Der schwedische Entwurf hat auf dem ersten Blick kaum etwas mit einem herkömmlichen Kreuzfahrtschiff gemein. Aber dieser Designer ist kein Fantast. Im Schiffsbau kennt sich sein Büro „Tillberg Design“ bestens aus, hat es doch aktuelle Oceanliner gestaltet, wie zum Beispiel die „Queen Mary 2“. Gewaltige Kreuzfahrtschiffe treiben auf den Weltmeeren, das ist seine Vision. In Häfen können sie wegen ihrer Größe gar nicht mehr festmachen. Eine Flotte von Superyachten und Wasserflugzeugen für Besichtigungstouren gehören ebenfalls zu diesen Giganten.

Längst ist das angestaubte Image überholt

Über die Passagiere der Zukunft haben sich die Designer längst ihre Gedanken gemacht. prognostiziert.

Der Geschäftsführer der Hamburger Beratergesellschaft „SeaConsult“ glaubt: „Urlaub auf dem Wasser wird noch normaler, als er heute schon ist. Das Image des etwas Angestaubtem das ja bereits jetzt längst überholt ist, wird komplett aus den Köpfen verschwunden sein. Eine Kreuzfahrt wird zur Selbstverständlichkeit, zum Massentourismus.“ Zu ihren Kunden zählen schon seit Jahren internationale Kreuzfahrtunternehmen.

Er hält eine noch breitere Vielfalt des Angebots für wahrscheinlich: „Die Einsatzkonzepte werden sich weiter spezialisieren, das gilt für große wie für kleine Schiffe.“ Dies heißt also mehr Spaßdampfer, mehr Expeditionsschiffe, mehr Luxusliner.

Ein Vordenker im internationalen Kreuzfahrtmarkt, der maßgeblich den Erfolg von „TUI Cruises“ mitgeprägt hat und als einer der Väter der AIDA-Clubschiffe gilt, wird konkreter: „Riesengroße Katamarane oder Schiffe mit Böden aus Spezialglas sind denkbar. Wie auch künstlich angelegte Inseln, umgeben von Unterhaltungs- und Hotelinseln. Die Schiffe werden sich stark verändern und neue Technologien im Einsatz sein.“

Glaskuppel über dem Hauptschiff

Genaue Vorstellungen von den Veränderungen haben schon Designer des britischen Kreuzfahrtspezialisten „Bonvoyage“. Das Mega-Spaßschiff der Zukunft wird in ihrer Studie als elegante Plattform inmitten der Weiten des Meeres beschrieben.

Ein zentraler Kreuzer ist von drei schwimmenden Luxushotels umgeben, wobei jedes auf dem Dach einen eigenen Hubschrauberlandeplatz hat. Zum Einsammeln oder Abladen der Passagiere müsste das Ensemble nicht mal einen Hafen ansteuern. Das Hauptschiff wird von einer Art Glaskuppel umspannt. Bei schönem Wetter kann diese geöffnet werden. Lust auf Landausflüge sollen die Gäste nicht mehr haben, wofür viele Freizeitangebote sorgen.

Ein kompletter Vergnügungspark mit Achterbahn und Wasserrutschen sowie eine Poollandschaft, ein üppig begrünter Park und für Massenveranstaltungen ein Stadion würden unter der Kuppel Platz finden. Eine Projektmanagerin ergänzt: „Und unter Deck würden Kinos, Bowlingbahnen und eine große Auswahl an Restaurants für Unterhaltung sorgen.“

Von den Hotels zum Hauptschiff führen transparente Untersee-Verbindungsgänge, die hervorragende Aussicht auf die Unterwasserwelt bieten. Diese Super-Wohnschiffe funktionieren dann wie kleine Städte. Nicht nur der Kreuzfahrttourismus würde revolutioniert werden.

Als künstliche Siedlungsfläche auf den Weltmeeren könnte man mit ihnen auch der rasch zunehmenden Weltbevölkerung und dem Platzmangel auf dem Festland, der daraus resultiert, begegnen. Vorerst ist auf den künstlichen Siedlungsflächen kein Platzmangel zu erwarten.

Eine Insel - wie ein gigantisches Seerosenblatt

Auch ein belgischer Architekt hat die Vision von schwimmenden Städten aufgenommen. Er nennt seine Modelle „Lilypad“ und sie erscheinen wie gigantische Seerosenblätter. Bis zu 50.000 Menschen finden auf diesen künstlichen Inseln Platz. Sie lassen sich auf den Ozeanen von der Strömung treiben. Aber sie können auch vor den Küstenstädten festmachen.

Der belgische Architekt sagt: „Mein Ziel ist es, eine harmonische Einheit von Mensch und Natur zu schaffen.“ Diese Inseln sind deshalb platzsparend angelegt. Unter der Wasseroberfläche erstreckt sich der Lebensraum der Inseln größtenteils. Als mögliches Ausweichquartier für Klimaflüchtlinge war der gedankliche Ursprung von „Lilypad“, so etwa für von Überschwemmung bedrohten Inselstaaten. Eine touristische Nutzung ist natürlich auch denkbar.

Eines haben viele Zukunftsentwürfen gemeinsam: Auf den ersten Blick sehen sie nicht wie Schiffe aus. Die Kreativen von „Yacht Island Design“ wollen zum Beispiel auf einem Schiffskörper vom Ausmaß der „MS Deutschland“ maßstabsgerecht die Top-Sehenswürdigkeiten von Monte Carlo nachbilden. Auch eine Formel-1-Kurve gehört dazu.

„Yacht Island Design“ und das Schiffsbaubüro „BMT Nigel Gee“ haben eine 100 mal 100 mal 65 Meter messendes britisches Gemeinschaftsprojekt. Es heißt „Utopia“ und soll gar nicht auf Reisen gehen. Es sieht wie ein Ufo, wie eine hypermoderne Bohrinsel aus. Mit Bars, Restaurants, Shops, Theatern und Kasinos soll es für Andockende ein avantgardistischer Aufenthaltsort sein.

Suche nach ökologisch vertretbaren Antworten

Eine Verdreifachung der Zahl der Kreuzfahrtpassagiere wird vorhergesagt. Dabei stellt sich die Frage, wie Natur und Umwelt mit dem schnell wachsenden Meerestourismus in Einklang gebracht werden können. Zu den dringlichsten Herausforderungen schon heute zählt für die Kreuzfahrtbranche die Reduzierung der Luftschadstoffe und der Co2-Emissionen.

Ein Verantwortlicher bei „SeaConsult“sagt, das neue Technologien in 50 Jahren im Einsatz sein werden. Da sich die Energie weiter verteuern wird, sucht man jetzt schon verstärkt nach Alternativen. Solarzellen sollen besser genutzt werden und auch ein Gas- oder Elektrobetrieb von Kreuzfahrtschiffen ist denkbar.

Die „Eoseas“ ist eine besonders ökologische Vision eines Kreuzfahrtriesen. Dieses umweltfreundliche Passagierschiff bietet laut Entwurf Platz für 3.311 Gästen, die in 1.403 Kabinen untergebracht sind. Der Megaliner ist enorm schnittig, 305 m lang und ausgestattet mit Großsegeln. Dadurch kann die Kraft des Windes optimal ausgenutzt werden. Immerhin 12.440 m² misst die Segelfläche des Fünfmasters.

Die Segel sind aus einem flexiblen Material gefertigt. Für die nötige Energie für den Vortrieb durch Elektromotoren sorgen Verbrennungsmotoren, die mit verflüssigtem Erdgas betrieben werden. Solarzellen und Biogas, entsteht durch intelligente Abfallverwertung an Bord, sind weitere Energiequellen.

Mehr als bloß eine schicke Designstudie ist die „Eoseas“. Von einem der größten Schiffbau-Unternehmen der Welt ist es ein konkreter Entwurf. Schon die „Europa 2“, die „Queen Mary 2“ und Oceanliner von MSC Crociere liefen bei diesem Unternehmen schon vom Stapel. Die „Eoseas“ kann also tatsächlich gebaut werden, sobald ein Investor grünes Licht gibt.

Über die Ozeane lautlos und emissionsfrei

Auch das Hamburger Unternehmen „SkySails“ setzt auf ein innovatives Segelsystem. In einigen Jahrzehnten können Kreuzfahrtschiffe über die Ozeane so nahezu lautlos und emissionsfrei gleiten. Eine völlig neue Zugdrachentechnologie, welche die Höhenwinde geschickt ausnutzt, ist der Kern der Erfindung. In einer Höhe von mehr als 100 m schwebt ein überdimensionaler Lenkdrache, mit einer Segelfläche von ca. 300 m², vor dem Bug des Schiffes. Anders als direkt über den Wellen weht dort oben ein deutlich stärkeres Lüftchen.

Diese Kraft zieht das Schiff über ein Seil aus hochreißfesten Kunststofffasern vorwärts. 10 bis 15 Prozent der Antriebsenergie sollen im Durchschnitt durch diesen Drachen eingespart werden.

Ein Mitarbeiter der Hamburger Firma „Partner Ship Design“ rechnet allerdings in der Entwicklung von Kreuzfahrtschiffen nicht mit einem Quantensprung. Diese Firma ist für die meisten Neubauten deutscher Kreuzfahrt-Reeder Ideengeber. Die AIDA-Schiffe, die Arosa-Flusskreuzer und die „Europa 2“ fallen darunter.

Architektur, Innenarchitektur und Design für alle Bereiche eines Kreuzfahrtdampfers umfasst ihr Aufgabengebiet. Die Projekte sowie die damit verbundenen Investitionen sind im Schiffsbau immens. Aus diesem Grund wird eher mit einer Evolution gerechnet, anstatt mit einer Revolution.

Ziel ist das Schiff selbst

Mit den baugleichen schwimmenden Kleinstädten „Oasis of the Seas“ und „Allure of the Seas“ von der Reederei „Royal Caribbean“ ist allerdings in Sachen Schiffsgrößen das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Auf einer vollbesetzten „Oasis“ schippern durch die Karibik schon jetzt, samt Crew, über 8.000 Menschen. Zu einem eigenen Reiseziel werden wahrscheinlich die noch größeren Megaschiffe der Zukunft.

Für kleinere Kreuzfahrtschiffe wird es auch künftig einen lukrativen Markt geben. So wurde die „Sea Cloud“ 1931 gebaut. Keiner hätte damals gedacht, das sie auch noch 2014 ein Publikum als Luxussegler begeistern kann. Eine lange Entwicklungs- und Lebensdauer hat ein Schiff. Aus diesem Grund macht man sich primär über eine Design Gedanken, welches auch noch in vielen Jahren gefällt.

Beim Urlaub auf dem Meer sollen wahrscheinlich immer dieselben Wünsche erfüllt werden: Rückzug, Erholung, Erfahrung sowie neue Horizonte.

In 50 Jahren werden möglicherweise noch ganz andere Herausforderungen von der Kreuzfahrtindustrie gemeistert. Ein Durchschnittspassagier bringt nach einem einwöchigem Törn heutzutage rund 3 kg mehr auf die Waage. Das Modell Kreuzfahrt wird als Urlaubsalternative sicherlich unschlagbar, wenn ein Gast in diesem Zeitraum, bei gleichem ungehemmten Nahrungskonsum, 3 kg verliert.